Texte
Die Meisterin der Randzonen
Die Meisterin der Randzonen. Petra Amtsberg Hoffmann malt nicht das Zentrum der Welt, sondern deren Ränder. Sie widmet sich den scheinbar zufälligen Eindrücken, dem, was man „nebenbei“ wahrnimmt – Geräusche, Gerüche, atmosphärische Irritationen. In ihren Bildern werden diese unscheinbaren Nebenschauplätze zu Hauptfiguren. Das, was andere als ornamentale Kulisse behandeln, wird bei ihr zum Motor des Ausdrucks. Es ist kein Zufall, dass der Blick des Betrachters auf ihren Bildern lange umherirrt: Es gibt kein Zentrum, keine eindeutige Perspektive, keine dominierende Form. Und genau darin liegt ihre Kraft. Ihre Werke operieren an den Rändern des Sichtbaren – dort, wo das Gefühl den Verstand überholt.
Kein Déjà-vu – sondern poetische Resonanzräume. Die Vorstellung eines „Déjà-vu“ als simple Wiederholung greift bei Amtsberg Hoffmann zu kurz. Ihre Bilder sind keine Wiederholungen, sondern poetische Verdichtungen von Atmosphäre, Erinnerung und sinnlicher Gegenwart. Ihre Malerei ist kein Betriebssystem, sondern ein Resonanzraum: emotional, flüchtig und dabei von hoher Präzision. Sie arbeitet mit dem, was sich einer Sprache entzieht. Es ist, als wolle sie den Geruch eines Sommertags in Farbe bannen, den Klang einer Erinnerung auf Leinwand übersetzen. Hier zeigen sich Parallelen zu den Arbeiten von Cy Twombly, dessen Werke sich ebenfalls zwischen Schriftbild, Lyrik und Farbe bewegten. „To paint involves a certain crisis, or at least a crucial moment of risk – each time you begin“, sagte Twombly. Petra Amtsberg Hoffmann malt genau aus diesem Moment des Risikos heraus.
Carsten Lehmann, Galerist, Konsum 163, München
„Es geht eigentlich gar nicht um mich“
Diese Geschichte beginnt vor langer Zeit: Wir sind fünfzehn, sitzen uns an einem Arbeitstisch gegenüber, und Petra mischt in ihrem Schulmalkasten Farben und zeigt mir, wie man einen Hautton anrührt – nicht zu rosa, nicht zu kreidig, nicht zu grau, genau richtig.
Ich ahnte nicht, wie prophetisch diese Kindheitserinnerung sein würde. In den fast zwanzig Jahren, in denen Petra Amtsberg-Hoffmann Teil der professionellen Kunstszene ist, wurde ein bis zur Meisterschaft verfeinerter Farbperfektionismus zum prägenden Merkmal ihrer Arbeit.
Amtsberg-Hoffmann erzählt: „… Als ich mit der ‚Käfer-Serie‘ (Koleoptera) begann, sah ich mir meine gelben Farbtöpfe an. Sie waren alle falsch. Ich brauchte ein Gelb, das in dünnen Linien funktioniert, eine Farbe, die ich auftürmen und strukturieren kann. Plötzlich fiel mir eine kleine Tube Gelb von Sennelier ein, die ich irgendwo versteckt hatte. Ich habe sie direkt aus der Tube für die Fühler und Beine verwendet. Siehst du die Anhäufung, wo ich mehr herausgedrückt habe?“
Und weiter: „Ich brauche immer Spritzfarben. Ein Knallfrosch auf der Palette muss sein. Sie fangen das Verrückte ein. Milchiges Gelb kehrt immer wieder. Orangefarbener, durchscheinender Bernstein ist gerade sehr gefragt. Ich mag das gräuliche Lila von Caput Mortuum. Andere Farben muss ich beruhigen und abmildern: Sandtöne, Betongrau oder andere gemischte Grautöne. Dunkle Töne mische ich am liebsten selbst.“
Ihre Farbwahl wirkt in der Anwendung beiläufig und schnell, ist aber komplex und anspruchsvoll. Dahinter steht ein strenger Prozess des Auswählens und kunstvollen Mischens, oft von Grund auf, mit Pigmenten.
In Amtsberg-Hoffmanns Werk steckt eine überbordende Angriffslust – Zeugnis eines wachen, erfahrenden Geistes, einer beweglichen Neugier und Wahrnehmung, die sich nicht abstumpfen lässt und alles Mechanische und Einengende ablehnt. Ihre Kunst ist mehrdeutig abstrakt und doch klar in ihrer lebendigen Aussage über innere Prozesse.
„Es geht eigentlich gar nicht um mich“, sagt sie. „Natürlich gibt es diese Idee oder jene Erinnerung, die heraus will, wenn ich ein Bild beginne. Dann löst sich meine Leinwand von mir und beginnt, ihre eigenen Geschichten zu erzählen. Sie sind getrennt von meinen und doch meine. In diesem Moment muss ich einen Schritt zurücktreten, hinhören und mit sehr leichter Hand arbeiten. Das Bild sagt mir, was es braucht. Manchmal muss ich aufhören und es lange zur Seite stellen. Manchmal muss ich drastisch eingreifen, etwa auf dem Kopf weitermalen. Manchmal komme ich sehr schnell voran, und alles ist ganz klar. Manchmal muss ich es langsam angehen, besonders mit Ölfarben, die ich in letzter Zeit bevorzuge. Es überrascht mich jedes Mal.“
Ihre abstrakten Kompositionen aus geschichteten, intensiven Farbflächen und kraftvollen Linienbewegungen sind offen für figurative oder räumliche Deutungen. Ihre eher figurativen Zeichnungen laden dazu ein, die Farben und die sinnlichen Details ihrer Pinselführung zu genießen.
Amtsberg-Hoffmanns Kunst ist zutiefst persönlich. Sie überschreitet fröhlich die Grenzen zu Geruch, Klang, Tanz und Geschmack und zielt direkt auf die Sinne der Betrachtenden. Ihr synästhetischer Ansatz spiegelt sich in ihren verspielten, vielsagenden Bildtiteln, die oft poetische Hinweise auf tiefere, privatere Bedeutungsebenen sind.
Mit ihrer verblüffenden Unmittelbarkeit und ihrem klaren Stil bleibt ihre Kunst über alle Entwicklungen von Maltechniken, Formaten und Farbvorlieben hinweg im Gedächtnis. Petra Amtsberg-Hoffmanns Werke sind der Abdruck einer tief empfundenen Energie und Dynamik – und Ausdruck purer Lebensfreude.
Andrea Schaffner Dittler M.A., Kunsthistorikerin (aus dem Englischen übersetzt)
Über Petra Amtsberg Hoffmann
Seit 2003 verfolgt Petra Amtsberg-Hoffmann konsequent ihre malerische Laufbahn und präsentiert ihre Arbeiten in regelmäßigen Ausstellungen in der Öffentlichkeit. Besonders inspirierend war ihr Sommersemester an der Salzburger Akademie bei dem Maler Norbert Bisky 2014, der sie zu großformatigen, farbintensiven und experimentellen Arbeiten motivierte. In der Orangerie tritt Petra Amtsberg-Hoffmann heute mit einem neuen Werkzyklus auf. Kontrastreiche Bilder, die vor allem durch ihre räumliche Wirkung bestechen, sind entstanden. Eine Rückbesinnung auf die beruflichen Wurzeln der Künstlerin erklärt in diesem Zusammenhang ihren ausgeprägten Sinn für räumliche Gestaltung, der in den neu komponierten Bildwerken klar ablesbar ist. Petra Amtsberg-Hoffmann studierte 1982–1986 Innenarchitektur in Rosenheim.
Um sich der Lesbarkeit ihrer Bilder zu nähern, ist es wichtig, sich mit ihrer Arbeitsmethode zu befassen. Den Beginn einer neuen Arbeitsperiode leitet die Künstlerin meist mit zahlreichen kleinen Aquarell-, Bleistift- oder Tuschestudien (DIN A3 und kleinere Formate) ein. Mit schnellen Pinselstrichen werden räumliche Situationen im Straßencafé oder im häuslichen Ambiente festgehalten, Landschaftsausschnitte farblich fixiert, Insekten spielerisch nachgezeichnet oder ein malerischer Gestus wird lustvoll mehrfach auf Papier fixiert und phantasievoll variiert. Ein Arbeitsprozess, der eine hohe Konzentration auf das Malen an sich birgt, wird hier eingeleitet. Die Hand, die malt, frei von Inhalten, ist locker und absichtslos. In einem weiteren Arbeitsschritt werden die zahlreich entstandenen Studien am Arbeitsplatz ausgebreitet. Dienten die Aquarelle und Zeichnungen zunächst als Mittel der Konzentration und der Befreiung, so sind sie jetzt Studien der Inspiration, aus denen die Künstlerin sich notwendige Details entnimmt, die sie in ihren großformatigen Arbeiten einbaut.
Zu Beginn legt sie den mit grundierter Leinwand bezogenen Keilrahmen meist auf den Boden ihres Ateliers und bearbeitet die Malfläche mit großen Pinseln. Manchmal wird der Pinsel an einem Stock befestigt, damit die Malerin mit einer großen ausholenden Bewegung, nicht nur der Hand, sondern des ganzen Körpers, ihre farbigen Spuren auf der Malfläche hinterlassen kann. Das ist ein sehr dynamischer Akt, ohne Festlegung einer Richtung oder der Bestimmung von Oben und Unten. Enthusiastisch und energiegeladen bearbeitet die Künstlerin das Bild von allen Seiten, sie dreht und wendet es. Erscheint es notwendig, richtet sie ihr Bild senkrecht auf. Die flüssige Farbe wird dann in ihrer Substanz erkennbar, denn sie läuft in langen Rinnsalen die Leinwand hinunter. Manchmal spritzt sie die flüssige Farbe des triefenden Pinsels auch schlicht und ergreifend auf die Leinwand. Zu guter Letzt wird die entstandene Malfläche aus Pinselspuren und Farbflecken beiseitegestellt, um zu trocknen. Da Petra Amtsberg-Hoffmann schnell trocknende Acrylfarbe verwendet, ist das ein zügiger Prozess. In weiteren Arbeitsschritten wird die Leinwand wieder hervorgeholt, manchmal mit Öl- und Pastellkreiden bearbeitet, mit Farben unterschiedlicher Dichte übermalt, Details herausgearbeitet und neue Formen entwickelt.
Vor diesem Hintergrund betrachten wir nun eines ihrer jüngsten Werke, das quadratische Bild mit dem amüsanten Titel „Mrs Smellgood“ (Acryl auf Leinwand, 140 x 140 cm), der vermutlich eine Anspielung auf die Tatsache ist, dass Farben auch den Geschmacksnerv und Geruchssinn ansprechen.
„Mrs Smellgood“ stammt aus dem neuen Werkzyklus, in welchem Petra Amtsberg-Hoffmann sich auf die räumliche Qualität von Farbe konzentriert. Die neue Anordnung auf ihrem Bild erinnert an Kompositionsstrategien eines Francis Bacon. Die Künstlerin stellt Farbflächen mit impulsiv aufgetragener Farbe, deren Pinselverlauf ablesbar ist, neben ruhende Farbflächen ohne jegliche Pinselspur oder Pinselduktus. Hierbei entsteht eine existenzielle Ambivalenz zwischen vibrierender Expressivität und einer Leere, die Konzentration und Kontemplation birgt. Verstärkt wird diese Wirkung durch die Gegenüberstellung blickdichter, pigmentreich aufgetragener Malflächen und transparenter flüssiger Malflächen. Hier scheint die Künstlerin stellenweise Farbkörper und Farbräume evozieren zu wollen. Erkennbar ist eine Affinität zu den Werken von Mark Rothko, dessen Bilder in der Regel den Charakter einer großen Stille haben, durch den sie den Betrachter veranlassen, sich in sie zu versenken. Sie veranlassen ihn zu einem meditativen Verhalten, für das sie zur Resonanzfläche werden. Auch in den Bildern von Petra Amtsberg-Hoffmann finden sich Farbflächen mit räumlicher und spiritueller Bedeutungsschwere.
Weiterhin wird das Bild „Mrs Smellgood“ charakterisiert durch lebendige leuchtende Farben, die die Künstlerin auf ihrer Palette bevorzugt. Kontrastreich stehen helle Pastelltöne, weiße Malflächen, leuchtendes Gelb, Rot und Grün neben der erdig roten, fast monochromen Farbfläche. An einzelnen Stellen entsteht der Eindruck, als wären, wie bei einer Collage, bemalte Leinwandstücke aufgeklebt worden.
Neben farbigen Flecken und Farbverläufen finden sich auch kalligraphische Kritzeleien und Spuren auf der Leinwand. Kreisförmige Linienverläufe mit weißer Ölkreide verdichten sich in der Mitte des Bildes, lineare Kratzspuren sind an der unteren Seite der Leinwand zu erkennen. Die Linie ist hier selten Umrisslinie, nein, sie ist Träger von Energie, sie ist schwungvoll dynamisch, manchmal ist sie hektisch aggressiv, manchmal lustvoll rhythmisch. Auf dem Bild mit Namen „Scuba“ (Acryl auf Leinwand, 140 x 140 cm) trifft man beispielsweise eine Anhäufung von Punkten, kleinen Kreisen und Linienschwüngen, Kreuzen und mageren Strichen, die engmaschig nebeneinandergesetzt sind. Hier ist die Grammatik der zeichnerischen Vorgehensweise eines Cy Twombly ablesbar.
Auf manchen ihrer älteren Bilder bewegen sich erkennbare Details wie Gesichtszüge, Tierkörper oder Gegenstände durch Übermalungen und Überlappungen mit weiteren Farbfeldern an der Grenze zwischen Abstraktion und Figuration. Dieses Spiel zwischen Abstraktion und Figuration treibt sie in ihrem neuesten Bild „A little bit of feelgood“ (Acryl auf Leinwand, 100 x 100 cm) auf die Spitze. Auf den ersten Blick meint der Betrachter ein Stillleben mit räumlicher Dimension vor sich zu haben. Er sieht einen Tisch, auf dem eine Blumenvase links steht, weitere Krüge und Gefäße auf weißer Tischdecke sind erkennbar. Doch der fokussierte Blick zeigt, dass hier souverän lineare Elemente neben flächigen malerischen Elementen stehen, die bedeutungsfrei sind und keinen Gegenstand beschreiben. Petra Amtsberg-Hoffmann führt vor, was reine Malerei leisten kann, und spielt mit der Illusion. Das Expressive ist in diesem ausgewogenen Bild gewichen, das Spontane eingemündet in die Rhythmik freier Formen.
Dr. Cornelia von Detten, Kunsthistorikerin, zur Ausstellung „Riot of Colour“, Orangerie München, 2018
Norbert Bisky über Petra Amtsberg Hoffmann
Norbert Bisky, einer der renommiertesten zeitgenössischen deutschen Maler, lebt und arbeitet in Berlin.
„Petra Amtsbergs energiegeladene Bilder – in leuchtenden Farben und vielfältig aufgetragenen Schichten – beherrschen den Balanceakt von Farben und Formen auf beeindruckende Weise: Auf Grund der abstrakten und expressiven Kompositionen sowie der starken Ausdrucksweise erinnern Amtsbergs Werke oftmals an Höhepunkte von Willem de Koonings Schaffen. Mit Ruhe und sicherem Instinkt findet Amtsberg zu kraftvollen Kompositionen, die aktuelle malerische Positionen wie die von Cecily Brown konsequent und eigenständig weiterführen.“
Norbert Bisky, 1. September 2015
Der wilde Zugriff
Mit der Internationalen Sommerakademie Salzburg gründete Oskar Kokoschka 1953 eine bis heute beispielgebende „Schule des Sehens“. Zahlreiche namhafte Künstler von Markus Lüpertz über Jörg Immendorff, Daniel Spoerri, Günther Uecker und Ai Weiwei unterrichteten und förderten seither dort Künstler und Studenten aus aller Welt.
In den Jahren 2013 und 2014 übernahm mit Norbert Bisky – selbst einst Schüler der Sommerakademie – einer der renommiertesten Vertreter der zeitgenössischen Malerei in Deutschland jeweils einen Sommerkurs. Als Petra Amtsberg Hoffmann davon hörte, bewarb sie sich erfolgreich um einen der begehrten Plätze.
Der Kurs sollte zur Initialzündung für eine neue Phase im Schaffen der gebürtigen Münchnerin werden: Die herausfordernde und unmittelbare Auseinandersetzung mit der künstlerischen Arbeit Biskys, vor allem seinen Gesichtern und der in ihrer intensiven zentrifugalen Kraft an ein Agglomerat von Splash Panels erinnernden Malweise, mündet in einen neuen Ansatz großformatigen Arbeitens, der die Gründung der Riemerling Studios mit ihren geräumigen Atelierflächen nach sich zieht.
Auf das großformatige, farbintensive experimentelle Malen in Salzburg folgt im heimischen Atelier der Drang nach ordnender Fokussierung. In Rückbesinnung auf ihre beruflichen Wurzeln in der Architektur wechselt Amtsberg zunächst vom flächigen Großformat zur figurativen Zeichnung, von der vielschichtigen Malerei zur Linie und von der überbordenden Farbigkeit zur dunklen Umrisslinie. Es entstehen, aus der Erinnerung gespeist, zahllose Köpfe und Porträtdarstellungen. Sie werden in schnellem Strich mit Edding, Acryl, Tusche und auch Wasserfarbe aufs kleinformatige Papier gebracht oder auch als Lithografie in Szene gesetzt. Auf diese, von der Künstlerin als Ruhephasen des Sich-Sammelns begriffenen Zeiträume, in denen neue Gedanken Raum finden und sich entwickeln können, folgen seither stets Phasen des dynamischen, ja geradezu explosiven Arbeitens auf immer größer werdendem Malgrund.
Inspiriert und ermutigt durch Norbert Bisky überträgt Amtsberg die in unzähligen Variationen erprobten Porträts in großformatige Leinwandarbeiten. Eine satte Buntheit ergießt sich über den Malgrund. Amtsberg experimentiert mit den Möglichkeiten von Form- und Farbgebung, setzt Akzente und gelangt so zu einer zwischen Abstraktion und Figuration changierenden Bildaussage. Erst auf den zweiten Blick erfasst der Betrachter das eigentliche Sujet des Bildes. Doch das ist durchaus gewollt. Amtsberg intendiert ein Spannungsfeld, das es dem Rezipienten ermöglicht, „immer wieder etwas Neues zu entdecken … etwas Verstecktes, nicht gleich Offensichtliches“. Sie spielt mit Wahrnehmungsprozessen und scheint der Absicht Peter Doigs zu folgen, den interessiert, „was uns entgeht, wenn wir uns auf das konzentrieren, was unmittelbar ins Auge springt“.
Acrylfarbe ist ihr bevorzugtes, weil schnell trocknendes Malmittel. Die Künstlerin entwickelt in ihren Werken eine Form der Rhythmisierung, die an die Herangehensweise von Cecily Brown erinnert. Deren Credo „I am looking slowly so that I can paint quickly“ findet sich auch bei Amtsberg. Einmal begonnen, wird der Malprozess schnell vorangetrieben, Schicht um Schicht wird übereinandergelegt, eine Bildstruktur entsteht. An diesem Punkt im Schaffensprozess angelangt, geht die Künstlerin auf Distanz zu ihren Arbeiten, stellt Bilder eine Zeit lang zur Seite, dreht sie oft sogar und prüft so deren Aussagekraft, bevor sie in additiven wie subtraktiven Prozessen ihre Bilder „aufräumt“, wie sie es liebevoll nennt. Da werden Überlagerungen wieder freigelegt, andere Teile des Bildes übermalt oder mit der ordnenden Hand der Architektin durch kraftvolle Strichsetzungen und Liniengeflechte neu strukturiert. Wahre Farbexplosionen überziehen nun das Bild und oszillieren zwischen gestischer Malerei, Abstraktion und Gegenständlichkeit. Weiß gebliebene Auslassungen offenbaren Einblicke in ein Darunter, unterbrechen aber nicht die Dynamik des Bildausdrucks, sondern steigern ihn durch die entstehende Bipolarität. Es ist das Wechselspiel von ausufernder Dynamik, ja Ruhelosigkeit, und des Wieder-Einfangens und Einbettens des Malakts in ein geordnetes, ruhiges Fahrwasser, das die Bilder von Petra Amtsberg so besonders macht. Ihre Malerei entwickelt zentrifugale Kräfte, strebt auseinander und wird von ihr behutsam wieder eingehegt.
Energiegeladen und gelassen, vielfältig und strukturiert, ruhevoll und leidenschaftlich, nachdenklich und immer offen für Neues: Das von Schelling als Begriffspaar definierte apollinisch-dionysische Prinzip ist der Künstlerin Petra Amtsberg wesenhaft eingeschrieben. Nach ihren künstlerischen Inspirationsquellen befragt, führt Amtsberg folgerichtig ausnahmslos Künstler an, die in ihren Werken auf unterschiedlichste Weise die Polarität der Dinge zum Thema haben.
Neben Norbert Bisky und Peter Doig nennt sie in atemloser Folge Cecily Brown und ihren malerischen Duktus, Egon Schiele und seinen jede Seinsmodalität erfassenden Strich, Maria Lassnigs Menschen, Henri Matisses schwebend gestaltende Leichtigkeit, Jean-Michel Basquiats wilden Zugriff und Mark Rothkos „Multiforms“ mit ihren sich bewegenden, übertönenden und stoßenden Farbüberlagerungen. Sie experimentiert mit dem, was sie als Erkenntnisgewinn aus den künstlerischen Arbeiten der Moderne und Jetztzeit zieht. Das Ergebnis dieses in sehr freie und eigenständige Arbeiten mündenden Gestaltungswillens offenbart sich dem Betrachter als Feuerwerk der Farben, Formen und bildhaften Assoziationen oder, wie Norbert Bisky formuliert: „Mit Ruhe und sicherem Instinkt findet Amtsberg zu kraftvollen Kompositionen … Ihre energiegeladenen Bilder … beherrschen den Balanceakt von Farben und Formen auf beeindruckende Weise.“
Stephanie Gilles M.A. arbeitet als Kunst- und Kulturvermittlerin in Landshut und München. Ihre Kooperationspartner sind unter anderem die Neue Galerie Landshut, die Museen der Stadt Landshut und das Bayerische Nationalmuseum.
Einführungsworte zur Ausstellung „Inside – Outside“
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Petra,
stellen Sie sich mal vor: Sie gehen an der Straße entlang. Da hält ein Auto an, der Fahrer kurbelt das Fenster herunter und fragt: „Können Sie mir sagen, wo ich hinwill?“ Sie denken sich vielleicht: ein Österreicher! Dann sehen Sie genauer hin. Tatsächlich: Das ist ja Gerhard Richter – der weltberühmte Maler!
Wir wissen ja, dass es Gerhard Richter mit der Orientierung nicht so hat. So sagt er: „Wenn ich ein abstraktes Bild male, weiß ich weder vorher, wie es aussehen soll, noch während des Malens, wohin ich will und was dafür zu tun wäre. Deshalb ist das Malen ein quasi blindes, verzweifeltes Bemühen.“
„Verzweifeltes Bemühen“ mag hoffnungslos klingen, führt aber nicht nur bei Gerhard Richter immer wieder zu einem beachtlichen Happy End. Und genau deswegen sind wir heute hier, neugierig auf Petras Reise ins Ungewisse.
Nun bin ich, wie möglicherweise die meisten hier, keine Kunstkoryphäe. Nur ein einfacher Betrachter, den Petras Werke seit einigen Jahren begleiten und ans Herz gewachsen sind. Ein profundes Urteil über Petras Kunst überlasse ich lieber Norbert Bisky – wie Richter aus der ersten Liga der Kunst. Bisky ist in den letzten Jahren eine Art künstlerischer Mentor für Petra geworden. Er sieht in ihren Werken „energiegeladene Bilder, die den Balanceakt von Farben und Formen auf beeindruckende Weise beherrschen“. Mit Ruhe und sicherem Instinkt fände sie zu kraftvollen Kompositionen.
Kraftvolle Kompositionen? Ja, in der Tat. Das ist hier und heute nicht zu übersehen. Sie sind damit auch ein Spiegelbild von Petras Persönlichkeit. So wie ich sie als Freundin und Lebenskünstlerin kennen- und schätzen gelernt habe, sind für Petra viele Faktoren stil- und sinnprägend: neben dem Handwerk und der Kreativität vor allem ein großes Herz, ein entschlossen zupackendes Wesen und ein Leben mit Ausrufezeichen.
Ich tue mich schwer, mir Petra als neoimpressionistische Pointillistin vorzustellen, die versunken im Ich in jahrelanger Arbeit ausladende Landschaften und Stadtsilhouetten aus Millionen kleiner Farbpunkte komponiert. Ich verbinde Petra stattdessen mit dem wirklich großen Schwung, dem Baden in Emotionen und Farben, der Lust am Widerspruch und dem fröhlichen Vergnügen am prallen Leben. Davon erzählen mir ihre Werke.
Gerhard Richter kann das natürlich viel besser ausdrücken als ich: „Abstrakte Bilder sind fiktive Modelle, weil sie eine Wirklichkeit veranschaulichen, die wir weder sehen noch beschreiben können, auf deren Existenz wir aber schließen können.“
Also schauen wir doch einfach hin, lassen uns inspirieren und vielleicht ein bisschen treiben. Das Schöne an der Kunst ist doch: Wir müssen gar nicht immer so genau wissen, wo wir hinwollen.
Vielen Dank und viel Spaß dabei!
Marcus Schick, München – Gräfelfing, zur Vernissage im Bürgerhaus Gräfelfing, 2015
Rede zur Ausstellungseröffnung 2008
Auszug aus der Rede von Professorin Johanna Haberer – Journalistin, Theologin, Professorin und Vizepräsidentin der Universität Erlangen – anlässlich der Eröffnung der Ausstellung 2008:
„Petra Amtsberg Hoffmann ist Innenarchitektin, als Mutter von vier Kindern führt sie ein Familienunternehmen und ist mit dem Gräfelfinger Architekten Achim Hoffmann verheiratet. Sie ist der Malerei seit der Schulzeit verfallen. Mit dieser Passion ernst gemacht hat sie vor zehn Jahren, als sie sich dem Atelierprojekt anschloss und konzentriert zu experimentieren begann. Wir sehen hier Werke aus zehn Jahren: vom abstrakten Spiel mit den Farben und Formen auf dem Weg in die luftige Kontur, hingeworfen die Ahnung eines Kopfschmucks, eines verlassenen Stuhls, dekorativ plakativ, gemütvoll, total emotional und vital, dabei vielschichtig – sowohl was die handwerkliche Seite als auch die Wirkung betrifft.
Manche Bilder erscheinen durch den flächig strukturierten Farbauftrag fast reliefartig, die Tiefenwirkung entsteht durch mehrere Farbschichten, kräftig übereinander aufgetragen, teils eingedickt mit Sand, teils laufend. Petra Amtsberg Hoffmanns Bilder sind Zwiesprachen, Selbstgespräche, die sich über oft lange Zeit hinziehen; sie berichten von Trauer und Überschwang, von dem immer Neuen, das unwiderstehlich aus Altem entsteht.
Für Petra Amtsberg Hoffmann ist es das erste Mal, dass sie ausstellt – und das nach vielen Jahren geheim gehaltener künstlerischer Zwiesprache. Das ist wie ein Geheimnis lüften. Und wir dürfen dabei heute Zeugen sein. Ich finde, das ist ein beinahe vergnügungssteuerpflichtiges Geheimnis!“
Prof. Dr. Johanna Haberer, 2008
Eröffnungsworte zur Gemeinschaftsausstellung mit Götz Zarges
„Der Philosoph Jürgen Mittelstraß hat die Welt, in der wir leben, in der die Grenzen der Milieus und der Wissenschaften und der Künste brüchig geworden sind, wo Gilden und Schubladen geöffnet werden und wir vielsprachig werden müssen, als Leonardo-Welt bezeichnet. Der Künstler und Erfinder, der Manager und Ingenieur Leonardo da Vinci wird sozusagen als Prototyp eines modernen und ganzheitlich agierenden Menschen vorgestellt: vielseitig, vielschichtig, vielfältig, durchlässig, grenzüberschreitend und ein Leben lang mit Lust sich weiter formend, sich in vielen Sprachen ausdrückend.
Wenn man so will, haben wir heute zwei Künstler unter uns, die solche Prototypen der Moderne darstellen. Für die ihre Kunst ein Aspekt ihres Lebens ist – ein wesentlicher, ein entscheidender, aber nicht der alleinige. Man kann nicht sagen, die beiden Künstler seien Amateure, das beileibe nicht. Sie sind Profis, für die ihre Kunst aber kein Brotberuf ist, sondern ein Lustberuf – die es sich aber dennoch wert sind, dass sie ihre Werkstücke, Kunststücke verkaufen, denn der Wert der Kunst muss ja irgendeine Messlatte haben.“
Eröffnungsworte zur gemeinsamen Ausstellung des Bildhauers Götz Zarges und der Malerin Petra Amtsberg Hoffmann
Farben, so weit das Auge reicht
Ausstellung „Inside – Outside“ von Petra Amtsberg Hoffmann im Bürgerhaus Gräfelfing eröffnet
Gräfelfing – Das Bürgerhaus in Gräfelfing erstrahlt in kräftigen Farben und Formen. Farben, so weit das Auge reicht. Grund dafür ist die Ausstellungseröffnung der Gräfelfinger Künstlerin Petra Amtsberg Hoffmann.
Die studierte Innenarchitektin hat seit jeher eine Affinität zu Farben, Formen, Flächen und Linien. Diese Begabung ist ihren Bildern auch absolut anzusehen, denn sie sprühen förmlich vor Farbenergie und Formenvielfalt. Dies erkannte auch ihr Mentor Norbert Bisky. In der Sommerakademie in Salzburg ermutigte er sie 2014, großformatig zu malen. Sie sollte das, was aus ihr herauskommt, nicht unterbrechen, meinte damals der akademische Künstler. Genau daran hat sich Amtsberg Hoffmann auch in den folgenden zwei Jahren gehalten – sie hat auf eine erstaunlich expressive Ausstellung hingearbeitet.
Zunächst malt sie spontan farblich, und erst im zweiten Schritt entstehen in ihren Bildern Flächen, Linien, Licht und Schatten. Genau das ist auch im großformatigen Bild „Cielo“ (Himmel) zu sehen, denn die Künstlerin hat zuerst mit Acrylfarben die kräftige Farbgebung bestimmt und danach Linien und Formen herausgearbeitet. „Es ist ein bisschen wie ein Deckengemälde in der Kirche, es hat etwas Himmlisches“, sagt die gebürtige Münchnerin.
Bei ihren kleinformatigen Papierarbeiten im Format DIN A4 hat sich die Künstlerin von Fotografien aus Zeitungen inspirieren lassen und drauflos gezeichnet. Das Nachmalen ist aber nicht ihr Ding, daher entstehen aus Vorlagen eigenständige Bilder, die im Zeichenduktus der Künstlerin ihre eigene Individualität erreichen. Aus diesen kleinformatigen Studien erwuchs wieder die Lust am großformatigen Malen – so ist das Werk „Green Double“ entstanden. Das linke Bild ist das ausdrucksstarke Innere ihrer selbst: „inside“. Das rechte Bild ist das kontrollierte Bild „outside“, das ein Porträt zeigt. Der Titel der Ausstellung „inside – outside“ hat also ganz konkret etwas mit der Innen- und Außenwelt der Wahlgräfelfingerin zu tun.
Im großformatigen Acrylbild „Froschkönig“ hat sie mit kräftigen gelben, weißen und rosa Farben gearbeitet. Dabei hat sie interessante kompositorische Farbüberlagerungen kreiert, die bisweilen mit Linien konturiert sind. Helle und dunkle Flächen lassen zudem eine Tiefenwirkung entstehen. So erreicht sie, dass jeder Betrachter etwas anderes im abstrakten Bild zu sehen meint.
Amtsberg Hoffmanns Bilder haben einen direkten Bezug zu ihrem Leben und ihrer persönlichen (Innen-)Welt. Die Werke spiegeln ihre Lust am Malen wider. Mit kräftigen Pinselstrichen und kraftvollen Farbkompositionen lebt sie ihre Gefühle aus und zieht den Betrachter in ihren beziehungsweise in des Werkes Bann.
Miriam Pietrangeli-Ankermann, Münchner Merkur, 2015
Jeder Quadratmeter gehört der Kunst
Riemerling Studios: Petra Amtsberg Hoffmann hat eine Kolonie geschaffen, in der die Kreativität lebt
Hohenbrunn – Als ein Ort der stillen Einkehr ist das Tagungszentrum der Diakonie in Hohenbrunn entworfen worden. Vor vielen Jahren verlor die Exklave am Waldrand neben dem Lore-Malsch-Haus ihre religiöse Bestimmung und fiel in einen Dornröschenschlaf, bevor sie Petra Amtsberg-Hoffmann mit farbexplosiven Kompositionen im Großformat mit neuem Leben füllte. Die Künstlerin aus Gräfelfing hat das Anwesen mit Kapelle vor drei Jahren gekauft und sich hier den Traum einer Künstlerkolonie mit derzeit acht Ateliers und Übungsräumen erfüllt. Das Gebäude mit dem Charme einer Pfarrei aus den 1960er-Jahren hat sich rein äußerlich kaum verändert, das Innenleben jedoch schon. Die erste Zeit nach dem Einzug diente dazu, die drei Stockwerke der Riemerling Studios von Spinnweben zu befreien und langsam zu verwandeln.
In den Gängen und ihren langen, schmalen Fluchten hat das Auge genug Ruhe, um von Bild zu Bild zu springen und vor einem unauffälligen Hintergrund in Ziegel oder kalkweißen, bisweilen unverputzten Wänden innezuhalten. Nichts und niemand stört hier bei der Betrachtung. Zu den Kreativen in den Riemerling Studios zählen Richard Deichl, Tom Eicher, Eva Kiss, Katja Ling-Zeggio und Geo Vidal. Jeder hat seinen privaten Bereich, aus dem heraus sich die künstlerische Schaffenskraft frei entfalten kann.
Petra Amtsberg-Hoffmann studierte Architektur, die beruflichen Stärken kann sie für die Malerei nutzen, und beides lässt sich geschickt miteinander verbinden. Aus der figurativen Zeichnung entsteht die Grundlage, der Plan für ein ausformuliertes Gemälde, aber es darf nie ein abgeschlossener, sich wiederholender Prozess sein. Die künstlerische Neugier findet bei Amtsberg-Hoffmann immer neue Anläufe. Bei der Internationalen Sommerakademie in Salzburg hat sie sich von Norbert Bisky stark beeinflussen lassen. Sie befolgte seinen Rat, ihren Ausdruck in großen Formaten auf Leinwand zu suchen. Kein Widerspruch zu dieser Arbeitsweise sind kleine, instinktsicher geführte Skizzen und Porträtminiaturen, die sie aus dem Gedächtnis zaubert. Daraus werden auch große Kompositionen entwickelt, die durch mehrere abstrakte Schichtungen in Acryl zu einer neuen Aussage gelangen. Während des Malprozesses helfen ungewöhnliche Blickwinkel: Da wird die Leinwand auf den Kopf gestellt, um keine Routine zuzulassen. Das Ergebnis ist bisweilen ein paar Quadratmeter groß. Und die weißen Auslassungen im Farbraum stellen einen Bezug zur ursprünglichen Skizze her. Nichts ist zufällig gewählt, alles darf umgedeutet werden.
Und dafür ist in dem ehemaligen Tagungszentrum mehr als genug Platz. Es scheint ein einziger großer Ausstellungsraum zu sein – durch Türen unterbrochen, hinter denen sich der Ideenreichtum auf Staffeleien, zwischen Schraubstöcken auf Werkbänken und in Bastelecken austobt. Die Ateliers dienen als Rückzugsräume; zwei Bands im Untergeschoss brauchen hinter den schallisolierten Wänden keine Rücksicht auf empfindliche Ohren zu nehmen. Im Atrium wird im Sommer gegrillt und zwanglos über Kunst philosophiert. Dass im Garten die Gruppen des Waldkindergartens toben, stört nicht. Als Familienmutter ist Petra Amtsberg-Hoffmann dankbar für eine Geräuschkulisse von außen, die sie viele Jahre gewohnt war. Der künstlerischen Inspiration hat es nicht geschadet.
Marc Oliver Schreib, Münchner Merkur, nach den Open Studios 2017